Zum Ursprung des Schützenwesens


Einen ersten Zugang zum Schützenwesen vermittelt die Deutung des Wortes "Schütze". Die Germanisten sind sich darin einig, daß das Wort von "schießen" abzuleiten ist. Es hat die Bedeutung eines Entsenders von Geschossen. Wäre die Hauptaufgabe der Schützengesellschaften der Vergangenheit das Behüten und Beschützen gewesen, hätte man die Mitglieder schwerlich Schützen genannt, sondern einen Schützer oder Beschützer. Dem sprachlichen Befund nach sind also auch Schützengesellschaften primär Schieß- und nicht Schutzmannschaften. Schützen sind im mittelalterlichen Schrifttum nicht nur die Mitglieder der Schützengesellschaften. Im Heereswesen wurden ganz allgemein die Schießwaffenträger so bezeichnet. 

Die ersten glaubwürdigen Nachrichten über Schützengesellschaften (hier verwandt als Synonym für Schützengesellschaft, Schützenbruderschaft, Schützengilde und Schützenvereinigung) tauchen gegen Ende des 13. Jahrhunderts auf, und zwar zunächst in Gebieten von Flandern und Brabant. Zu den ältesten westfälischen Schützengesellschaften gehören Dortmund (vor 1378), Nottuln (ca. 1383), Breckerfeld (1396), Datteln (1397), Hattingen (1403), Geseke (1412), Brilon (1417), Hamm (1418) und Unna (1419). 

Es ist die Zeit, in der die Engländer in ihren Kämpfen mit Frankreich dem Bogen und der Armbrust große Kriegserfolge verdanken, so daß diese Schußwaffen mehr und mehr auch im westfälischen Raum in Gebrauch genommen wurden. 

Aber auch das Vordringen der Zünfte in die stadtpolitische Mitverantwortung und Mitbestimmung - oft vermochten die Handwerkervereinigungen das aristokratische Joch des Patriziats nur in blutigen Kämpfen abzuschütteln - hat es mit sich gebracht, daß "regelmäßige Pflichtübungen" zuerst mit dem Bogen und Armbrust, später auch mit der Büchse dem selbstbewußten Bürgertum den ritterlichen Turnieren ein eigenes Kampfspiel, den Schieß-Wettkampf, an die Seite stellte. 

Mit der Entwicklung des Städtewesens breitete sich auch immer mehr das Schützenwesen aus. Ein Zusammenhang der Stadtentstehung und des Schützenwesens läßt sich daraus jedoch nicht ableiten. 

Die Verteidigung der Städte lag in den Händen aller Bürger. Schon mit dem Bürgereid bekannte sich jeder Bürger zur städtischen Wehrpflicht. Sich in die bestehende Wehrordnung einzufügen und der Stadt in Not und Gefahr mit der Waffe zur Abwehr eines äußeren Feindes beizustehen, war selbstverständliche Pflicht jedes Einwohners. Ebenso klar und selbstverständlich war es, daß in solchen kritischen Augenblicken die Schützen als die waffengeübtesten Männer nicht fehlten. 

Da die Schützengesellschaften durch ihre Schießübungen einen indirekten Beitrag zur Stadtverteidigung leisteten, indem sie dadurch der Wehrertüchtigung dienten und die Wehrkraft erhielten, standen sie auch fraglos bei der Verteidigung einer Stadt in vorderster Reihe, aber nicht als eigene Wehrformation, sondern in den Wehreinheiten ihrer Mitbürger. 

Es sind nur sehr wenige Beispiele dafür bekannt, daß eine Schützengesellschaft ihr Entstehen der direkten Initiative der öffentlichen Machthaber verdankt. Gleichwohl haben sich diese überall ein Kontrollrecht über die Gesellschaften gesichert, es sorgsam gehütet und ausgeübt. Diese Aufsichts- und Befehlsgewalt fand ihren deutlichsten Ausdruck in der Genehmigung der Schützenordnungen. Die Obrigkeit erließ und genehmigte nicht nur die Satzungen, sondern kümmerte sich auch darum, daß sie eingehalten wurden. Daß man ein L2esonderes Augenmerk auf die für das Schützenwesen so charakteristischen alljährlichen Schützenfeste richtete, braucht nicht eigens erwähnt zu werden. So sehr auch die Schützenfeste zum Leben der Schützenvereinigungen gehörten und von den Landes- und Stadtherren erlaubt und gefördert wurden, so daß sie aus dem Volksleben und -brauchtum des Spätmittelalters nicht wegzudenken sind, so beobachteten die Behörden wachsam das Schützenwesen. Gerade die Festlichkeiten mit ihrem fröhlichen Treiben und ihren Trink( gen konnten leicht zu einem Herd Ausgelassenheit, Ausschweifung, Streitigkeiten und Unruhen werden. 1 führte zu gelegentlichen Einschränkungen und sogar zu Verboten. 

Trotz dieser weitgehenden Abhängigkeit bestand doch ein gutes Einvernehmen zwischen Obrigkeit und Schützengesellschaft. Dies zeigt sich in der mannigfaltigen behördlichen Förderung durch Privilegien und materielle Hilfe wie z. B. das Recht, öffentlich Waffen zu tragen, sei es zumindest auf dem Wege von und zu den Schießübungen. Auch wurden den Schützen Fischereirechte eingeräumt, so daß sie für ihre Festtage und "ehrlichen" Zusammenkünfte nach Bedarf in besagtem Fischereigebiet frei fischen durften, während im übrigen das Fischen daselbst verboten war. 

Weit verbreitet ist die Meinung, Schützengilden hätten sich aus kirchlichen Bruderschaften entwickelt. Es läßt sich sicherlich nicht bestreiten, daß Schützengesellschaften vereinzelt wie aus Pestbruderschaften so auch aus anderen religiösen Vereinigungen erwachsen sind, wobei die weitverbreitete Verehrung der vornehmlichen Schützenpatrone ihren Teil mit beigetragen haben mag. Wenn auch die Schützengilden der damaligen Zeitauffassung entsprechend zugleich kirchliche Bruderschaften waren, wodurch die vielen religiösen Bestimmungen verständlich sind, so ist ihre generelle Herkunft aus rein kirchlichen Genossenschaften durch nichts bewiesen. Seitdem die Schützengesellschaften um 1300 im flandrischen Raum entstanden und sich in rascher Folge über den nordeuropäischen Kontinent ausbreiteten, haben sie ein wechselvolles Schicksal erlebt. Nach einer Blüteperiode im 15. und 16. Jahrhundert folgten Zeiten des Niederganges im 30jährigen Krieg und in der Französischen Revolution. Aber in dem Rhythmus des Auf und Ab blieb ihre Lebenskraft ungebrochen. Wie ehedem die Bürger ihre Freude daran fanden, sich zur Wehrkrafterhaltung im Schießen zu üben und beim jährlichen Schützenfest oder bei großen Schießspielen mehrerer Städte in friedlichem Wettkampf ihre Geschicklichkeit und ihr Können zu manifestieren, so ist auch heute die Freude am Schießen noch nicht erloschen, und es sieht nicht danach aus, als könne sie im Zeitalter sportlicher Begeisterung so bald untergehen. Zahlreiche Neugründungen von Schützengesellschaften bestätigen es. Wie aber gläubige Treue zur Kirche sich einst in den Bruderschaften mit weltlicher Freude zu harmonischer Einheit verbanden, so lebt dieser Geist in den kirchlichen Schützenbruderschaften und Schützengesellschaften heute noch fort. In vielen Städten und Dörfern hat das Schützenfest nichts von seinem alten Glanz und seiner alten Volkstümlichkeit eingebüßt. Es ist oft nicht nur der Höhepunkt der jährlichen Volksfeste, sondern vielfach auch das Volksfest schlechthin. 

Quelle: "Rund um die Königskette" - MD&V Buch - 1985

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